Quereinstieg mit 45+: Was wirklich dahintersteckt — und warum Ihr Hobby der Schlüssel sein könnte
Ein Küchenverkäufer, der abends mit seinem Nachbarn Computerspiele programmiert. Einfach so, aus Spaß, seit Jahren. Dann macht sein Unternehmen dicht. Er müsste 100 Kilometer pendeln zum neuen Arbeitgeber. Dazu hat er keine Lust, verständlich. Heute ist er Software-Tester für Spiele.
Diese Geschichte hat mir Petra Sessler-Schwaab erzählt, Mitgründerin der Plattform Querwerk. Und sie zeigt ziemlich genau, worum es beim Quereinstieg eigentlich geht — und worum nicht.
Was ein Quereinstieg wirklich ist (und was keiner)
Wenn jemand vom technischen Management in den Vertrieb wechselt, ist das kein Quereinstieg. Das ist eine Rollenverschiebung innerhalb derselben Logik. Spannend wird es, wenn die Branche wechselt, wenn Erfahrungen in einem völlig neuen Kontext landen.
Petra unterscheidet drei Varianten: den Seiteneinstieg (eine Krankenschwester, die zum mobilen Blutspendedienst wechselt, andere Arbeitszeiten, gleiche Kernkompetenz), den fachnahen Wechsel (ein Goldschmied, der Zahntechniker wird, gleiche Werkzeuge, andere Anwendung) und den echten Quereinstieg, bei dem auf den ersten Blick nichts zusammenpasst.
Auf den ersten Blick. Auf den zweiten oft schon.
Warum die meisten nicht an der Qualifikation scheitern
Petra sagt, nur 5 bis 8 Prozent der Menschen, die zu Querwerk kommen, wissen bereits, was sie konkret wollen. Der Rest weiß vor allem, was nicht mehr passt. Das ist ein guter Anfang — aber eben nur der Anfang.
Das Muster kenne ich aus meinen Coachings: Meine Coachees sitzen vor mir und können sofort aufzählen, was sie nicht mehr wollen. Der Chef, die Aufgaben, die Meetings, die Pendelei. Aber frage ich, was stattdessen kommen soll, wird es still. Spontan kommt keine Idee, ganz häufig, weil der Blick zu eng eingestellt ist.
Wir lesen unsere Berufserfahrung nur rückwärts. Wir sehen, was wir gemacht haben. Nicht, was wir damit noch machen könnten.
Das Hobby, das niemand ernst nimmt
Die Geschichte mit dem Küchenverkäufer ist deshalb so passend, weil sie zeigt: Die entscheidende Fähigkeit stand nicht im Lebenslauf. Sie stand nirgendwo. Sie war einfach da, als Hobby, als Nebensache, als das, was er „nach Feierabend halt so macht".
Petra erzählt, dass genau diese blinden Flecken bei der Standortanalyse den Unterschied machen. Hobbys, ehrenamtliche Tätigkeiten, Dinge, die wir können, aber nie als beruflich relevant eingestuft haben, weil sie keinen Jobtitel tragen.
Ich sage meinen Klienten oft: Stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihren besten Freund beschreiben. Der würde Sachen über Sie sagen, die in keinem Lebenslauf stehen und die trotzdem erklären, warum Sie gut sind in dem, was Sie tun.
Was Unternehmen beim Quereinstieg falsch machen
Es reicht nicht, „Quereinstieg möglich" in die Stellenanzeige zu schreiben. Petra ist da eindeutig: Quereinsteiger bewerben sich trotzdem nicht, weil sie die restlichen Anforderungen lesen und denken, das sei nichts für sie.
Was stattdessen hilft: Stellenanzeigen, die klar zwischen Hard Skills, Soft Skills und Ausbildung unterscheiden. Wo ich als Bewerberin sofort sehe, was ich mitbringe und was ich lernen kann. Querwerk prüft die Unternehmen auf der Plattform deshalb darauf, ob sie den Einstiegsprozess tatsächlich begleiten oder ob sie Quereinsteiger einfach ins kalte Wasser werfen.
Das ist übrigens auch der Punkt, an dem viele Bewerbungen unnötig scheitern: Die Stelle würde passen, aber die Stellenanzeige kommuniziert das nicht. Wenn Sie 40 bis 50 Prozent der Anforderungen mitbringen und erkennen können, wo der Lernfaktor liegt, bewerben Sie sich. Ernsthaft.
KI als Denkanstoß, nicht als Entscheider
Ich nutze KI inzwischen regelmäßig im Coaching und Petra macht das bei Querwerk ähnlich. Nicht als Ersatz für menschliches Urteil, sondern als Werkzeug für den Perspektivwechsel.
Ein Beispiel: Sie tippen Ihre Fähigkeiten, Ihre Interessen und Ihre Rahmenbedingungen in ChatGPT&Co. ein und fragen: Welche zehn Berufe könnten dazu passen, an die ich noch nicht gedacht habe? Die Ergebnisse sind nicht alle brauchbar, aber sie öffnen den Blick. Und genau das ist der Punkt. Der Blick muss erst aufgehen, bevor die Entscheidung kommen kann.
Was Sie jetzt tun können
Wenn Sie gerade an dem Punkt sind, an dem der aktuelle Job nicht mehr passt, aber der nächste noch keinen Namen hat: Fangen Sie nicht mit Stellenanzeigen an. Fangen Sie bei sich an.
Schreiben Sie auf, was Sie können, nicht nur, was in Ihrem Lebenslauf steht. Was machen Sie nach Feierabend? Wofür fragen Freunde Sie um Rat? Was fällt Ihnen leicht, was andere als anstrengend empfinden?
Und dann schauen Sie, wohin diese Fähigkeiten noch zeigen könnten. Vielleicht in eine Richtung, die Sie bisher nicht ernst genommen haben.
Die ganze Geschichte von Petra und viele weitere Quereinstieg-Beispiele hören Sie in der aktuellen Episode meines Podcasts „Karriere und Bewerbung".
Sie möchten KI für Ihre Bewerbungsunterlagen nutzen, wissen aber nicht, wo anfangen? Laden Sie sich mein kostenloses Freebie herunter: Die 10 perfekten KI-Prompts für authentische Bewerbungs